Als Mathematiker glauben

von Arnold Neumaier


Mathematik ist unbestechliche, kompromisslose Wahrheit. Die Mathematik auf einem hohen Niveau gemeistert zu haben, lehrte mich, was es bedeutet, etwas wirklich zu wissen, und gab mir einen Sinn dafür, wie man möglichst frühzeitig zwischen Irrwegen und brauchbaren Wegen auf der Suche nach Wahrheit unterscheidet. Wahrheit - das war interessant; aber mit Gott hatte ich nichts am Hut.

Mit 23 hatte ich meinen Doktor und heiratete. Aber ich hatte nicht genug Liebe, um mit den Schwierigkeiten fertigzuwerden, die unsere sehr verschiedenen Persönlichkeiten mit sich brachten, und unsere Ehe war schon bald am Zerbrechen. Mein Versagen zu sehen, war wichtig für mich: Ich erkannte, dass im Leben nicht so sehr Wissen zählt, sondern Kraft - die Kraft, das, woran man glaubt, in die Praxis umzusetzen.

Um einige Christen, die als Freunde hatte, besser zu verstehen, las ich das Neue Testament - und war bald fasziniert von Jesus. Was ich las, war so verschieden von dem, was ich aus meiner Jugend in Erinnerung hatte: Jesus erschien mir in den Evangelien so lebensecht geschildert, und er hatte, was ich vermisste: die Kraft zu Lieben. Und noch mehr: Für ihn war es selbstverständlich, dass jeder so sein konnte wie er. In seinem Mund klang die Aufforderung ''Seid vollkommen, wie mein Vater im Himmel vollkommen ist'' (Matth. 5:48) so natürlich und selbstverständlich wie die Aufforderung ''Steh auf, nimm deine Matte und geh heim'' an den Gelähmten (Matth. 9:6). Beides ebenso unmöglich, aber in einer Art gesagt, die Gehorsam verlangt. Und der Mann stand auf, und ging heim!!!

Natürlich waren das für mich nur Geschichten, und ich sah keine Möglichkeit, sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Aber mein Eindruck war stark genug, dass ich begann, zu prüfen, welche reale Basis die Art, wie Jesus lebte, haben könnte. Ich studierte ihn, so genau ich konnte, um heruaszufinden, woher er seine Kraft hatte. Es war nicht schwer zu erkennen, dass es seine Art, mit Gott umzugehen, war, was ihn von andern Menschen unterschied. Daher versuchte ich, herauszufinden, was sein Gottesverständnis so wirksam machte. Ich musste das Geheimnis herausfinden, und achtete genau darauf, was im Leben der in der Bibel geschilderten Leute den entscheidenden Unterschied machte.

Eines Tages ging mir auf, dass die Leute der Bibel (neben den Wundern, die ich nicht beurteilen konnte) gewöhnliche Ereignisse Gott zuschrieben, wenn sie entscheidende Konsequenzen hatten, ohne dass sie ein Mensch gesteuert hätte. Offenbar gaben sie der Instanz den Namen Gott, die dem, was ein zufälliges Zusammentreffen zu sein scheint, Sinn und Gewicht gibt. Die Wissenschaft hat dafür keine Begriffe; in unserem Leben haben solche Dinge aber grosse Bedeutung. Es ist also Gott, der dem Zufälligen Bedeutung verleiht, und das macht ihn real im Leben eines jeden von uns - ohne den geringsten Konflikt mit den Naturwissenschaften, die heute bei der Frage nach der Wahrheit einen so hohen Stellenwert besitzen. Gott ist der Herr über den Zufall; er steuert auch die Dinge, die menschliche Einsicht nicht beherrschen kann. Ich hatte also schon Begegnungen mit Gott, ohne dass ich es gewusst hatte!

Von diesem Tag an war Gott eine Realität für mich, und das veränderte mein Leben. Ich lernte den Zufall als das innovative Potential des Schöpfers zu sehen, in den kleinsten, unscheinbaren Dingen (Sprüche 16:33) wie in lebensentscheidenden Situationen (Psalm 139:13). Da die Bibel mir diese Einsicht vermittelt hatte, begann ich zu prüfen, wie weit ich dem andern dort Geschilderten vertrauen konnte. Es war eine lange Zeit von Versuch und Irrtum - balancierend zwischen der Frage, was ich bereit war, auf der jeweiligen Ebene von Vertrauen und Verständnis zu riskieren, um den Gültigkeitsbereich des Gesagten zu testen. Auf einer Freizeit einer christlichen Missionsorganisation gab ich schiesslich Rechenschaft über mein bisheriges Leben, und legte mein Leben in die fürsorglichen Hände Gottes, statt es weiter selbst zu bestimmen.

Es war natürlich unübersehbar, dass verschieden Christen, dieselbe Bibel unterschiedlich interpretierten - wie konnte ich die beste Interpretation herausfinden? Einige Standards aus der Bibel erwiesen sich als hilfreich:

  • Johannes 16:13 - über Geduld, und dass uns Gott in die Wahrheit leitet;
  • Römer 14 - über die rechte Art, mit unterschiedlichen Meinungen von Christen umzugehen: Jeder sei in seiner Meinung gewiss, ohne Andersdenkende zu richten oder zu verachten;
  • 1. Kor. 1:20-31 - darüber, dass das Wesentliche am Glauben für jeden verständlich sein muss, nicht nur für die Spitzfindigen; und
  • Titus 3:9 - über das Vermeiden von Streit über Inkonsistenzen in der Bibel.

    Das Schwierigste aber war (und ist), Gott mehr und mehr zu vertrauen, dass er wirklich mein Leben regiert, und es gut durch alle Unvollkommenheiten und alle Schwierigkeiten hindurch führt. Viele meiner Gebete bleiben unbeantwortet. Viel zu oft bin ich feig, oder zu vertieft in meinen Aktivitäten, um flexibel auf die Zeichen des Geistes Gottes zu achten. Ich wurde nicht der liebevolle Mensch, der ich sein wollte. Ich lebe mein christliches Leben nicht attraktiv genug für die mir Nahestehenden, dass sie mir folgen würden. Meine erste Ehe ging schliesslich doch zugrunde, und auch die zweite ging in die Brüche.

    Aber ich bin glücklich über die Freundschaft mit Gott, und dass er für mich sorgt wie Eltern für ihre Kinder. Ich fand Frieden und Ziel trotz aller Schwierigkeiten. Gott zu dienen mit allem, was ich bin war die beste Entscheidung in meinem Leben, und ich habe sie nie bereut.


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    Arnold Neumaier (Arnold.Neumaier@univie.ac.at)