16.1 Stetigkeit


16.1.1 Bemerkung. Mehrdimensionale Abbildungen.
Wir wollen nun vor allem Abbildungen \bgroup\color{demo}$ f:\mathbb{R}^p\to\mathbb{R}^q$\egroup studieren. Im Falle \bgroup\color{demo}$ p=q=1$\egroup sind das die Funktionen \bgroup\color{demo}$ f:\mathbb{R}\to\mathbb{R}$\egroup, die wir aus der Schule kennen. Man nennt die dadurch beschriebenen Teilmenge \bgroup\color{demo}$ \{(x,f(x)):x\in\mathbb{R}\}$\egroup auch Kurve in \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}^2$\egroup.

Den Einheitskreis \bgroup\color{demo}$ \{(x,y):x^2+y^2=1\}$\egroup können wir nur mittels zwei Funktionen \bgroup\color{demo}$ x\mapsto \pm\sqrt{1-x^2}$\egroup, \bgroup\color{demo}$ [-1,1]\to\mathbb{R}$\egroup beschreiben. Natürlicher ist allerdings die Parameterdarstellung \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}\ni t\mapsto (\cos(t),\sin(t))\in\mathbb{R}^2$\egroup. Dies führt zu folgendem:

Falls \bgroup\color{demo}$ p=1$\egroup aber \bgroup\color{demo}$ q>1$\egroup ist, so können wir \bgroup\color{demo}$ f:\mathbb{R}\to\mathbb{R}^q$\egroup als parametrisierte Kurve im \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}^q$\egroup bezeichnen. Im Unterschied zu vorigen Fall ist also vorgegeben wie schnell die Kurve \bgroup\color{demo}$ \{f(t):t\in\mathbb{R}\}$\egroup durchlaufen wird. Da \bgroup\color{demo}$ f(t)\in\mathbb{R}^q$\egroup liegt, können wir diesen Vektor in seine Koordinaten zerlegen, d.h. \bgroup\color{demo}$ f(t)=(f_1(t),\dots,f_q(t))$\egroup, wobei \bgroup\color{demo}$ f_1,\dots,f_q$\egroup Funktionen \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}\to\mathbb{R}$\egroup sind. Wir schreiben kurz \bgroup\color{demo}$ f=(f_1,\dots,f_q)$\egroup, und nennen \bgroup\color{demo}$ f_1,\dots,f_q$\egroup die Komponenten von \bgroup\color{demo}$ f$\egroup.

Umkehrt können wir eine Abbildung \bgroup\color{demo}$ f:\mathbb{R}^p\to \mathbb{R}$\egroup als Art Gebirge über \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}^p$\egroup auffassen. Im Falle \bgroup\color{demo}$ p=2$\egroup spricht man von einer Fläche in \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}^3=\mathbb{R}^2\times \mathbb{R}$\egroup.

Image ..//pic-011.gif


16.1.2 Definition. Stetigkeit.
Eine Abbildung \bgroup\color{demo}$ f:X\to Y$\egroup zwischen metrischen Räumen heißt stetig bei \bgroup\color{demo}$ x_0\in X$\egroup, wenn

\bgroup\color{demo}$\displaystyle \forall\varepsilon >0\exists\delta >0\forall x\in X:d(x,x_0)<\delta \Rightarrow d(f(x),f(x_0))<\varepsilon ,
$\egroup

d.h. zu jeden \bgroup\color{demo}$ \varepsilon $\egroup-Ball um den Bildpunkt \bgroup\color{demo}$ f(x_0)$\egroup ein \bgroup\color{demo}$ \delta $\egroup-Ball um \bgroup\color{demo}$ x_0$\egroup existiert, der durch \bgroup\color{demo}$ f$\egroup ganz in den \bgroup\color{demo}$ \varepsilon $\egroup-Ball abgebildet wird, oder äquivalent der ganz im Urbild des \bgroup\color{demo}$ \varepsilon $\egroup-Balls unter \bgroup\color{demo}$ f$\egroup enthalten ist, symbolisch:

$\displaystyle \forall\varepsilon >0\exists\delta >0: f\Bigl(U_{\delta }(x_0)\Bigr)\subseteq U_{\varepsilon }\Bigl(f(x_0)\Bigr)$    
$\displaystyle \forall\varepsilon >0\exists\delta >0: U_{\delta }(x_0)\subseteq f^{-1}\Bigl(U_{\varepsilon }\bigl(f(x_0)\bigr)\Bigr)$    

Die Idee dahinter ist, daß man mittels \bgroup\color{demo}$ \delta $\egroup die Argumente so gut kontrollieren, daß sich die Werte nicht viel vom Bildpunkt entfernen. Graphisch bedeutet dies, daß wir einen beliebig schmalen horizontalen Streifen oder Schlauch um \bgroup\color{demo}$ f(x_0)$\egroup vorgeben können und dann einen Ball \bgroup\color{demo}$ B$\egroup um \bgroup\color{demo}$ x_0$\egroup finden, s.d. \bgroup\color{demo}$ f\vert _B$\egroup ganz im horizontalen Schlauch zu liegen kommt.

Image ..//pic-004.gif

animation animation

Die Negation von stetig heißt unstetig.

Eine Abbildung \bgroup\color{demo}$ f:X\to Y$\egroup heißt stetig (auf \bgroup\color{demo}$ X$\egroup), wenn sie in jedem Punkt \bgroup\color{demo}$ x_0\in X$\egroup stetig ist.

Stetigkeit läßt sich nun mittels der zuvor behandelten Konvergenz von Folgen beschreiben:




16.1.3 Lemma. Stetigkeit via Folgen.
Eine Abbildung \bgroup\color{demo}$ f$\egroup ist genau dann stetig bei \bgroup\color{demo}$ x_{\infty}$\egroup, wenn für jede gegen \bgroup\color{demo}$ x_{\infty}$\egroup konvergente Folge \bgroup\color{demo}$ x_n$\egroup die Folge der Bilder \bgroup\color{demo}$ f(x_n)$\egroup gegen \bgroup\color{demo}$ f(x_{\infty})$\egroup konvergiert.

Also ist \bgroup\color{demo}$ f(\lim_n x_n)=\lim_n f(x_n)$\egroup für stetiges \bgroup\color{demo}$ f$\egroup falls die linke Seite existiert. Die stetigen Abbildungen sind somit gerade die Konvergenz-erhaltenden Abbildungen, so wie die linearen Abbildungen die Vektorraumoperationen-erhaltenden Abbildungen sind.

Beweis. ( \bgroup\color{demo}$ \Rightarrow$\egroup) Sei \bgroup\color{demo}$ f$\egroup stetig bei \bgroup\color{demo}$ x_{\infty}$\egroup und \bgroup\color{demo}$ x_n\to x_{\infty}$\egroup. Für \bgroup\color{demo}$ \varepsilon >0$\egroup existiert also ein \bgroup\color{demo}$ \delta >0$\egroup mit \bgroup\color{demo}$ \vert x-x_{\infty}\vert<\delta \Rightarrow \vert f(x)-f(x_{\infty})\vert<\varepsilon $\egroup. Wegen der Konvergenz von \bgroup\color{demo}$ (x_n)$\egroup existiert ein \bgroup\color{demo}$ N$\egroup mit \bgroup\color{demo}$ \vert x_n-x_{\infty}\vert<\delta $\egroup für alle \bgroup\color{demo}$ n\geq N$\egroup und somit \bgroup\color{demo}$ \vert f(x_n)-f(x_{\infty})\vert<\varepsilon $\egroup. Also konvergiert \bgroup\color{demo}$ f(x_n)$\egroup gegen \bgroup\color{demo}$ f(x_{\infty})$\egroup.

( \bgroup\color{demo}$ \Leftarrow$\egroup) Umgekehrt, sei indirekt angenommen, daß \bgroup\color{demo}$ f$\egroup nicht stetig bei \bgroup\color{demo}$ x_{\infty}$\egroup ist. Dann existiert ein \bgroup\color{demo}$ \varepsilon >0$\egroup, sodaß für jedes \bgroup\color{demo}$ \delta >0$\egroup ein \bgroup\color{demo}$ x_\delta $\egroup existiert mit \bgroup\color{demo}$ \vert x_\delta -x_{\infty}\vert<\delta $\egroup aber \bgroup\color{demo}$ \vert f(x_\delta )-f(x_{\infty})\vert\geq \varepsilon $\egroup. Die Folge \bgroup\color{demo}$ k\mapsto x_{1/k}=:y_k$\egroup konvergiert somit gegen \bgroup\color{demo}$ x_{\infty}$\egroup aber \bgroup\color{demo}$ \vert f(y_k)-f(x_{\infty})\vert\geq\varepsilon $\egroup.     []




16.1.4 Lemma. Komponentenweise Stetigkeit.
Eine Abbildung \bgroup\color{demo}$ f=(f_1,\dots,f_q):X\to\mathbb{R}^q$\egroup ist genau dann stetig, wenn die Komponenten \bgroup\color{demo}$ f_k:X\to\mathbb{R}$\egroup stetig sind für alle \bgroup\color{demo}$ k$\egroup.

Beweis. Da wir Stetigkeit mit konvergenten Folgen testen können folgt dies sofort aus dem entsprechenden Resultat (15.3.4) für Folgen.     []




16.1.5 Lemma. Projektionsfunktionen.
Die durch \bgroup\color{demo}$ \operatorname{pr}_k(x_1,\dots,x_p):=x_k$\egroup gegebenen Projektionsfunktionen \bgroup\color{demo}$ \operatorname{pr}_k:\mathbb{R}^p\to \mathbb{R}$\egroup sind stetig.

Beweis. Die folgt sofort aus \bgroup\color{demo}$ \vert\operatorname{pr}_k(x)-\operatorname{pr}_k(x')\vert=\vert x_k-x'_k\vert\leq \vert x-x'\vert$\egroup.     []




16.1.6 Proposition. Rechnen mit stetigen Funktionen.
Die Komposition stetiger Funktionen ist stetig. Die Summe, Differenz und Produkte stetiger Funktionen sind stetig. Quotienten stetiger Funktionen sind stetig (und dort definiert, wo der Nenner nicht verschwindet).

Beweis. Der 1.Punkt folgt direkt. Die anderen sind eine Konsequenz des entsprechenden Resultats (15.3.6) für Folgen, oder auch der Stetigkeit von Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division.     []




16.1.7 Folgerung. Polynome sind stetig.
Alle Polynomfunktionen \bgroup\color{demo}$ p:\mathbb{R}\to\mathbb{R}$\egroup als auch \bgroup\color{demo}$ \mathbb{C}\to\mathbb{C}$\egroup sind stetig.

Beweis. Polynome erhält man durch Multiplikation und Addition von \bgroup\color{demo}$ x\mapsto x$\egroup und Konstanten \bgroup\color{demo}$ x\mapsto c$\egroup.     []


16.1.8 Beispiel. Winkelfunktionen sind stetig.
Wegen dem Additionstheorem ist \bgroup\color{demo}$ \sin(x)-\sin(y)=2\sin(\frac{x-y}2)\cos(\frac{x+y}2)$\egroup (Dies folgt aus

$\displaystyle \sin(a+b)$ $\displaystyle -\sin(a-b) =$    
  $\displaystyle =\sin(a)\cos(b) + \cos(a)\sin(b) -\sin(a)\cos(b)+\cos(a)\sin(b)$    
  $\displaystyle = 2\cos(a)\sin(b)$    

nun setze \bgroup\color{demo}$ x:=a+b$\egroup und \bgroup\color{demo}$ y:=a-b$\egroup also \bgroup\color{demo}$ a=\frac{x+y}2$\egroup, \bgroup\color{demo}$ b=\frac{x-y}2$\egroup.) und da \bgroup\color{demo}$ \vert\cos\vert\leq 1$\egroup und \bgroup\color{demo}$ \vert\sin(t)\vert\leq \vert t\vert$\egroup ist, folgt die Stetigkeit von \bgroup\color{demo}$ \sin$\egroup.

Wegen \bgroup\color{demo}$ \cos(x)=\sin(\pi/2-x)$\egroup folgt auch die Stetigkeit von \bgroup\color{demo}$ \cos$\egroup. Jene von \bgroup\color{demo}$ \tan$\egroup und \bgroup\color{demo}$ \cot$\egroup auf \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}\setminus \{\pi/2+k\pi:k\in\mathbb{Z}\}$\egroup bzw. \bgroup\color{demo}$ \mathbb{R}\setminus \{k\pi:k\in\mathbb{Z}\}$\egroup ergibt sich damit aus (16.1.6).

Andreas Kriegl 2002-07-01